Zur Oper
Am 27. Juli 2018 feiert die Oper «La Cenerentola» mit der
zauberhaften Märchenerzählung von Aschenputtel von
Gioachino Rossini (1792–1868) ihre Premiere.
Der Schlosshof von Hallwyl wird Schauplatz einer bezaubernden Liebesgeschichte:
Gioachino Rossinis «La Cenerentola» feiert am 27. Juli 2018 Premiere mit der Märchenerzählung von Aschenputtel: Angelina, die Stieftochter Don Magnificos, wohnt bei ihm und ihren Stiefschwestern Clorinda und Tisbe im Schloss. Diese nennen sie boshaft Cenerentola und nötigen sie zu niederen Arbeiten. Doch als eines Tages die Einladung des Prinzen Don Ramiro zu einem Ball ins Schloss flattert, sind alle aus dem Häuschen: Die Schönste des Abends will der Prinz zur Frau nehmen! Angelina darf aber nicht mit. Doch der Prinz hat beim Ball Augen nur für eine, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht...
Märchenhochzeiten sind in: Die Heirat des englischen Prinzen Harry mit der bürgerlichen Märchenfee Meghan in Windsor versetzte unlängst die Welt in einen medialen Taumel. Hunderttausende pilgerten sogar persönlich nach England, um das Spektakel live zu erleben. Märchen bilden Parallelwelten, in die man flüchten kann: «Sie sind fantastisch und bunt, und man wird bei einem solchen Anlass Teil des Märchens», so die Überzeugung von Johannes Pölzgutter, der in Hallwyl mit dem «Aschenbrödel» eines der berühmtesten Grimm-Märchen
in Szene setzt; allerdings als Oper «La Cenerentola».
Die Geschichte des einfachen Mädchens, das den edlen Prinzen findet, zieht magisch an. So auch Rossinis Opernversion, die «immer und überall gespielt» wird, wie Pölzgutter dazu festhält. Freilich liegt das nicht nur am Stoff, denn bei Rossini ist alles Märchenhafte ausgemerzt, es gibt keine Fee und kein magisches Wunder. Die Realität ist das Thema, Ehrgeiz, Geldsucht und Liebe treiben die Opernfiguren an. Die Einfachheit der Handlung und die zündende Musik mit ihrem überschäumenden Geist und ihrer vitalen Leichtigkeit faszinieren.
Pölzgutter stellt den Aspekt des Realen in den Mittelpunkt seiner Regie: «Ich habe so oft Inszenierungen der Oper als Märchen erlebt, was ich falsch finde, denn bei Rossini kippt das Märchenhafte zu Gunsten des Aufklärerischen. Es geht darum, dass Angelina zur Königin wird, weil sie es moralisch verdient, und nicht, weil sie schön ist.» Angesiedelt ist das Geschehen im 20. Jahrhundert: In einer Welt, in der Schönheitswettbewerbe und Castingshows wie «Deutschland sucht den Superstar» auf Äusserlichkeit und Glamour getrimmt sind, vermittelt ein weiser Mann, Alidoro, seinem Schüler, dem Prinzen Ramiro, die Qualität innerer Werte.
Clorinda und Tisbe hingegen lassen sich auf Show und Glamour ein, sie begrüssen den «Scheinprinzen» Dandini während seiner umwerfend komischen Auftritts-Cavatina im 1. Akt mit vollendetem Hofknicks und in strahlend geschminkter Schönheit, und sie lassen sich auch im Folgenden auf die Spielregeln der Schmeichelei ein. Sie wollen bei Prüfungen punkten, mit edlem Winken oder vollendeten, grazilen Tanzschritten, und beim musikalisch gross auftrumpfenden Festmahl der Gesellschaft am Ende des 1. Akts gilt es, deliziöse Tischmanieren zu demonstrieren.
«Bälle und Festbankette sollen die jungen Damen in die Gesellschaft einführen, Castingshows funktionieren ähnlich», merkt Pölzgutter zu seiner szenischen Umsetzung an. Beides verlangt Eigenschaften, wie sich «Frau in der Öffentlichkeit» präsentieren und vermarkten muss. Entsprechend verhalten sich die beiden Damen, starr und stereotyp, wie Marionetten, die dem Mainstream gehorchen. Eine Veränderung des Auftretens von Clorinda und Tisbe liegt nicht drin, sie sind Spielball des heruntergekommenen Möchtegerngross Magnifico.
Das pure Gegenteil von Gier und Glamour verkörpert Angelina, sie braucht diese Aufmerksamkeit nicht, sie ist einfach gekleidet und macht alles mit Leichtigkeit und aus innerer Überzeugung. Schon zu Anfang verhält sie sich ganz selbstverständlich als Samariterin, wenn der «Tester» Alidoro auf der Bildfläche erscheint. Angelina giert nicht nach «Glanz und Gloria», für sie ist das Lindern von Not Triebfeder ihres Handelns. Folgerichtig tritt sie am Fest verschleiert auf und punktet nicht durch aufgepushte Schönheit, sondern durch geistreiche Eloquenz mit ihrer exorbitant schwierigen, koloraturgespickten Arie «Äusseren Glanz veracht’ ich».
Gerade hier treffen sich die beiden Protagonisten, denn Don Ramiro hat in Pölzgutters Lesart die oberflächliche höfische Welt gründlich satt: «Zeremoniell und Ritual mag er nicht, genau wie Prinz Harry, der lange dagegen rebellierte und nun eine unkonventionelle Frau heiratete.» Wie Angelina gilt auch beim Prinzen Ramiro die Aufmerksamkeit der Regie dem Menschen hinter der royalen Fassade.
Die Story ist einfach und stringent: «Vieles ergibt sich aus der Szene, die Handlung ist sozusagen selbst erklärend», meint Pölzgutter. Dazu gehört, dass es nur wenige Secco-Rezitative gibt, die gemäss Operntradition die Geschichte vorantreiben sollten. Dieses Fehlen der Rezitative und die zahlreichen grösseren Szenen vom Quintett bis Sextett stören den Regisseur in diesem Fall aber nicht: «Die Oper enthält zwar viele Ensembles, allerdings sind Rossinis Ensembleszenen von Mozartschem Impetus, in denen das Geschehen furios weitergetrieben wird.» Zentral für den Regisseur ist, dass die Situation für das Publikum sofort erfassbar ist, dann läuft es von selbst.
Wichtiges Element dabei ist das Bühnenbild. Vor dem Schloss Hallwyl, wo Don Ramiro wohnt, steht ein grosses Glücksrad, das Manuel Kolip kreiert hat. Die Idee, ein Rad (der Fortuna) auf die Bühne zu stellen, entspringt dem Libretto, singt doch der Chor in der finalen Jubelszene «Dir, Holde, bleibt Fortuna’s Rad / Bewegungslos nun stehen». Pölzgutter umschreibt diese Grundidee: «Sie passt gut in den ‹Game-Show› Charakter der Konzeption. Da alle Kandidatinnen des Spiels in allen Disziplinen bestehen müssen, entscheidet das ‹Rad der Fortuna›, welche Disziplin abgeprüft wird.» Gleichzeitig markiert das Glücksrad auch den Eingang ins Schloss, der je nach Situation offen oder versperrt ist.
Das laut Libretto vorgesehene «alte, verfallende Schloss» von Magnifico wird durch vier Plattformen im unteren Bereich der Bühne angedeutet. Diese Spielinseln dienen als Startpositionen für Don Magnifico, seine Töchter und Angelina. Sie sind mit wenigen Requisiten zur Illustration der Situation bestückt, in der sich die vier Personen befinden: «Don Magnifico hat seinen alten Sessel, auf dem er schläft, Tisbe und Clorinda geben sich der Körperpflege hin, und Angelina muss auf ihrer leeren Plattform mühevolle wie unsinnige Arbeiten erledigen», umschreibt Pölzgutter die Situation. «Von dort geht es mittels Leitern eine Etage höher auf die Spielplattform, also schon einen Schritt näher zum Schloss hin.» Und wer schliesslich ins Schloss hinein darf, wissen wir eigentlich schon von Anfang an.
Text: Dr. Verena Naegele
Der Schlosshof von Hallwyl wird Schauplatz einer bezaubernden Liebesgeschichte:
Gioachino Rossinis «La Cenerentola» feiert am 27. Juli 2018 Premiere mit der Märchenerzählung von Aschenputtel: Angelina, die Stieftochter Don Magnificos, wohnt bei ihm und ihren Stiefschwestern Clorinda und Tisbe im Schloss. Diese nennen sie boshaft Cenerentola und nötigen sie zu niederen Arbeiten. Doch als eines Tages die Einladung des Prinzen Don Ramiro zu einem Ball ins Schloss flattert, sind alle aus dem Häuschen: Die Schönste des Abends will der Prinz zur Frau nehmen! Angelina darf aber nicht mit. Doch der Prinz hat beim Ball Augen nur für eine, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht...
Märchenhochzeiten sind in: Die Heirat des englischen Prinzen Harry mit der bürgerlichen Märchenfee Meghan in Windsor versetzte unlängst die Welt in einen medialen Taumel. Hunderttausende pilgerten sogar persönlich nach England, um das Spektakel live zu erleben. Märchen bilden Parallelwelten, in die man flüchten kann: «Sie sind fantastisch und bunt, und man wird bei einem solchen Anlass Teil des Märchens», so die Überzeugung von Johannes Pölzgutter, der in Hallwyl mit dem «Aschenbrödel» eines der berühmtesten Grimm-Märchen
in Szene setzt; allerdings als Oper «La Cenerentola».
Die Geschichte des einfachen Mädchens, das den edlen Prinzen findet, zieht magisch an. So auch Rossinis Opernversion, die «immer und überall gespielt» wird, wie Pölzgutter dazu festhält. Freilich liegt das nicht nur am Stoff, denn bei Rossini ist alles Märchenhafte ausgemerzt, es gibt keine Fee und kein magisches Wunder. Die Realität ist das Thema, Ehrgeiz, Geldsucht und Liebe treiben die Opernfiguren an. Die Einfachheit der Handlung und die zündende Musik mit ihrem überschäumenden Geist und ihrer vitalen Leichtigkeit faszinieren.
Pölzgutter stellt den Aspekt des Realen in den Mittelpunkt seiner Regie: «Ich habe so oft Inszenierungen der Oper als Märchen erlebt, was ich falsch finde, denn bei Rossini kippt das Märchenhafte zu Gunsten des Aufklärerischen. Es geht darum, dass Angelina zur Königin wird, weil sie es moralisch verdient, und nicht, weil sie schön ist.» Angesiedelt ist das Geschehen im 20. Jahrhundert: In einer Welt, in der Schönheitswettbewerbe und Castingshows wie «Deutschland sucht den Superstar» auf Äusserlichkeit und Glamour getrimmt sind, vermittelt ein weiser Mann, Alidoro, seinem Schüler, dem Prinzen Ramiro, die Qualität innerer Werte.
Clorinda und Tisbe hingegen lassen sich auf Show und Glamour ein, sie begrüssen den «Scheinprinzen» Dandini während seiner umwerfend komischen Auftritts-Cavatina im 1. Akt mit vollendetem Hofknicks und in strahlend geschminkter Schönheit, und sie lassen sich auch im Folgenden auf die Spielregeln der Schmeichelei ein. Sie wollen bei Prüfungen punkten, mit edlem Winken oder vollendeten, grazilen Tanzschritten, und beim musikalisch gross auftrumpfenden Festmahl der Gesellschaft am Ende des 1. Akts gilt es, deliziöse Tischmanieren zu demonstrieren.
«Bälle und Festbankette sollen die jungen Damen in die Gesellschaft einführen, Castingshows funktionieren ähnlich», merkt Pölzgutter zu seiner szenischen Umsetzung an. Beides verlangt Eigenschaften, wie sich «Frau in der Öffentlichkeit» präsentieren und vermarkten muss. Entsprechend verhalten sich die beiden Damen, starr und stereotyp, wie Marionetten, die dem Mainstream gehorchen. Eine Veränderung des Auftretens von Clorinda und Tisbe liegt nicht drin, sie sind Spielball des heruntergekommenen Möchtegerngross Magnifico.
Das pure Gegenteil von Gier und Glamour verkörpert Angelina, sie braucht diese Aufmerksamkeit nicht, sie ist einfach gekleidet und macht alles mit Leichtigkeit und aus innerer Überzeugung. Schon zu Anfang verhält sie sich ganz selbstverständlich als Samariterin, wenn der «Tester» Alidoro auf der Bildfläche erscheint. Angelina giert nicht nach «Glanz und Gloria», für sie ist das Lindern von Not Triebfeder ihres Handelns. Folgerichtig tritt sie am Fest verschleiert auf und punktet nicht durch aufgepushte Schönheit, sondern durch geistreiche Eloquenz mit ihrer exorbitant schwierigen, koloraturgespickten Arie «Äusseren Glanz veracht’ ich».
Gerade hier treffen sich die beiden Protagonisten, denn Don Ramiro hat in Pölzgutters Lesart die oberflächliche höfische Welt gründlich satt: «Zeremoniell und Ritual mag er nicht, genau wie Prinz Harry, der lange dagegen rebellierte und nun eine unkonventionelle Frau heiratete.» Wie Angelina gilt auch beim Prinzen Ramiro die Aufmerksamkeit der Regie dem Menschen hinter der royalen Fassade.
Die Story ist einfach und stringent: «Vieles ergibt sich aus der Szene, die Handlung ist sozusagen selbst erklärend», meint Pölzgutter. Dazu gehört, dass es nur wenige Secco-Rezitative gibt, die gemäss Operntradition die Geschichte vorantreiben sollten. Dieses Fehlen der Rezitative und die zahlreichen grösseren Szenen vom Quintett bis Sextett stören den Regisseur in diesem Fall aber nicht: «Die Oper enthält zwar viele Ensembles, allerdings sind Rossinis Ensembleszenen von Mozartschem Impetus, in denen das Geschehen furios weitergetrieben wird.» Zentral für den Regisseur ist, dass die Situation für das Publikum sofort erfassbar ist, dann läuft es von selbst.
Wichtiges Element dabei ist das Bühnenbild. Vor dem Schloss Hallwyl, wo Don Ramiro wohnt, steht ein grosses Glücksrad, das Manuel Kolip kreiert hat. Die Idee, ein Rad (der Fortuna) auf die Bühne zu stellen, entspringt dem Libretto, singt doch der Chor in der finalen Jubelszene «Dir, Holde, bleibt Fortuna’s Rad / Bewegungslos nun stehen». Pölzgutter umschreibt diese Grundidee: «Sie passt gut in den ‹Game-Show› Charakter der Konzeption. Da alle Kandidatinnen des Spiels in allen Disziplinen bestehen müssen, entscheidet das ‹Rad der Fortuna›, welche Disziplin abgeprüft wird.» Gleichzeitig markiert das Glücksrad auch den Eingang ins Schloss, der je nach Situation offen oder versperrt ist.
Das laut Libretto vorgesehene «alte, verfallende Schloss» von Magnifico wird durch vier Plattformen im unteren Bereich der Bühne angedeutet. Diese Spielinseln dienen als Startpositionen für Don Magnifico, seine Töchter und Angelina. Sie sind mit wenigen Requisiten zur Illustration der Situation bestückt, in der sich die vier Personen befinden: «Don Magnifico hat seinen alten Sessel, auf dem er schläft, Tisbe und Clorinda geben sich der Körperpflege hin, und Angelina muss auf ihrer leeren Plattform mühevolle wie unsinnige Arbeiten erledigen», umschreibt Pölzgutter die Situation. «Von dort geht es mittels Leitern eine Etage höher auf die Spielplattform, also schon einen Schritt näher zum Schloss hin.» Und wer schliesslich ins Schloss hinein darf, wissen wir eigentlich schon von Anfang an.
Text: Dr. Verena Naegele
Zum Komponisten
Gioacchino Rossini – Italiener und Kosmopolit
«Rossini – das ist Operette für Fortgeschrittene. Rossini – das ist italienische Lebensart mit Pauken und Trompeten.» So beginnt die Rossini-Biografie von Wilhelm Keitel und Dominik Neuner. An keinem anderen Komponisten schieden sich die Geister so sehr wie an dem zu seiner Zeit berühmtesten Italiener. 1792 als Sohn eines Hornisten / Stadttrompeters und einer Sängerin in Pesaro geboren, war der Belcanto-Meister Zeitgenosse etwa von Beethoven, Meyerbeer, Schubert und Donizetti.
Rossini feierte nicht nur in Italien Triumphe. Von hier aus trat er mit seinem aberwitzig rasanten, schnell populären «Barbiere di Siviglia» ab 1816 seinen Siegeszug bis nach New York an, wo die Oper bereits 1819 gegeben wurde. Gefeiert wurde Rossini auch in Paris, London und in Wien. Die politischen Zeichen standen überall auf Restauration und Reaktion, nach der Niederlage Bonapartes hatte man am Wiener Kongress 1814/15 Europa neu geordnet, der Adel feierte wieder sich selbst.
So verwundert es nicht, dass Rossini 1822 in Wien ein wahres «Rossini-Fieber» entfachte. Am Kärntnertortheater setzte man einen viermonatigen Rossini-Zyklus an, in dessen Verlauf der Maestro fünf Opern einstudierte, darunter auch «La Cenerentola», und diese einem begeisterten Publikum zu Gehör brachte. Das «Rossini-Virus» brach aus, und das «frivole» Wien kürte Rossini zu seinem ersten Unterhaltungskünstler. Viele Erfolge hat er den italienischen Belcanto-Stars seiner Zeit zu verdanken. Eine davon war Isabella Colbran, die Rossini 1822 heiratete und danach für ihre Stimme gewichtigere dramatische Frauenpartien komponierte, etwa in «Semiramide».
Als echter Kosmopolit war Rossini aber auch in der Opernstadt Paris sehr erfolgreich, wo er mehrmals gastierte und sich nach seiner kompositorischen Laufbahn sogar niederliess. Er vermochte sich dem französischen Geschmack anzupassen und schrieb zuerst mehrere seiner Opern in französischer Manier und Sprache um. 1824 übernahm er die Leitung des «Théâtre Italien», das die italienische Opera Buffa in Paris feierte. Und schliesslich gelang ihm mit seiner letzten Oper «Guillaume Tell» eine erfolgreiche französische Grande Opéra.
Interessant ist, dass die Vorbilder für den jungen Rossini nicht etwa italienische Opernkomponisten waren, sondern Mozart und Haydn. Als Zehnjähriger lernte er deren Werke kennen, Haydns «Schöpfung», die er mehrmals dirigierte, zählte zu seinen Lieblingswerken. Die Begeisterung für deutsche Musik brachte dem jungen Rossini den Spitznamen «Il tedeschino» (der kleine Deutsche) ein. Wie Mozart war Rossini der geborene Melodiker, und wie Mozart schrieb auch er rhythmisch virtuose, leichtfüssige Ensembles. Weitere Markenzeichen waren die effektvollen Crescendi und die inspirierten Koloraturen.
Rossini komponierte in 19 Jahren 39 Opern, kein Wunder also, hat er für neue Opern bereits Komponiertes wiederverwendet. Nach dem Triumph mit «Guillaume Tell» aber stellte er 1829 das Komponieren von Opern ein, um sich mit erst 37 Jahren der Kochkunst zuzuwenden. Heute würde man dem wohl «Burnout» sagen. «Essen, Lieben, Singen und Verdauen, das sind – in Wahrheit gesprochen – die vier Akte der komischen Oper, die «Das Leben» heisst und vergeht, wie der Schaum einer Flasche Champagner», soll der Lebenskünstler Rossini einmal gesagt haben.
Text: Dr. Verena Naegele
«Rossini – das ist Operette für Fortgeschrittene. Rossini – das ist italienische Lebensart mit Pauken und Trompeten.» So beginnt die Rossini-Biografie von Wilhelm Keitel und Dominik Neuner. An keinem anderen Komponisten schieden sich die Geister so sehr wie an dem zu seiner Zeit berühmtesten Italiener. 1792 als Sohn eines Hornisten / Stadttrompeters und einer Sängerin in Pesaro geboren, war der Belcanto-Meister Zeitgenosse etwa von Beethoven, Meyerbeer, Schubert und Donizetti.
Rossini feierte nicht nur in Italien Triumphe. Von hier aus trat er mit seinem aberwitzig rasanten, schnell populären «Barbiere di Siviglia» ab 1816 seinen Siegeszug bis nach New York an, wo die Oper bereits 1819 gegeben wurde. Gefeiert wurde Rossini auch in Paris, London und in Wien. Die politischen Zeichen standen überall auf Restauration und Reaktion, nach der Niederlage Bonapartes hatte man am Wiener Kongress 1814/15 Europa neu geordnet, der Adel feierte wieder sich selbst.
So verwundert es nicht, dass Rossini 1822 in Wien ein wahres «Rossini-Fieber» entfachte. Am Kärntnertortheater setzte man einen viermonatigen Rossini-Zyklus an, in dessen Verlauf der Maestro fünf Opern einstudierte, darunter auch «La Cenerentola», und diese einem begeisterten Publikum zu Gehör brachte. Das «Rossini-Virus» brach aus, und das «frivole» Wien kürte Rossini zu seinem ersten Unterhaltungskünstler. Viele Erfolge hat er den italienischen Belcanto-Stars seiner Zeit zu verdanken. Eine davon war Isabella Colbran, die Rossini 1822 heiratete und danach für ihre Stimme gewichtigere dramatische Frauenpartien komponierte, etwa in «Semiramide».
Als echter Kosmopolit war Rossini aber auch in der Opernstadt Paris sehr erfolgreich, wo er mehrmals gastierte und sich nach seiner kompositorischen Laufbahn sogar niederliess. Er vermochte sich dem französischen Geschmack anzupassen und schrieb zuerst mehrere seiner Opern in französischer Manier und Sprache um. 1824 übernahm er die Leitung des «Théâtre Italien», das die italienische Opera Buffa in Paris feierte. Und schliesslich gelang ihm mit seiner letzten Oper «Guillaume Tell» eine erfolgreiche französische Grande Opéra.
Interessant ist, dass die Vorbilder für den jungen Rossini nicht etwa italienische Opernkomponisten waren, sondern Mozart und Haydn. Als Zehnjähriger lernte er deren Werke kennen, Haydns «Schöpfung», die er mehrmals dirigierte, zählte zu seinen Lieblingswerken. Die Begeisterung für deutsche Musik brachte dem jungen Rossini den Spitznamen «Il tedeschino» (der kleine Deutsche) ein. Wie Mozart war Rossini der geborene Melodiker, und wie Mozart schrieb auch er rhythmisch virtuose, leichtfüssige Ensembles. Weitere Markenzeichen waren die effektvollen Crescendi und die inspirierten Koloraturen.
Rossini komponierte in 19 Jahren 39 Opern, kein Wunder also, hat er für neue Opern bereits Komponiertes wiederverwendet. Nach dem Triumph mit «Guillaume Tell» aber stellte er 1829 das Komponieren von Opern ein, um sich mit erst 37 Jahren der Kochkunst zuzuwenden. Heute würde man dem wohl «Burnout» sagen. «Essen, Lieben, Singen und Verdauen, das sind – in Wahrheit gesprochen – die vier Akte der komischen Oper, die «Das Leben» heisst und vergeht, wie der Schaum einer Flasche Champagner», soll der Lebenskünstler Rossini einmal gesagt haben.
Text: Dr. Verena Naegele